Referat Alfred Schobert, DISS Duisburg

Jahrestagung 4. November 2000


Heulen, heucheln, hetzen

Seit der antinazistische WiderStandort Deutschland an höchster Stelle diskutiert, ob die NPD zum abgeschlossenen Sammelgebiet für Antifa-Archive erklärt wird, ist die gesamte extreme Rechte in heller Aufregung. Das gilt für die Parteien der extremen Rechten, vorneweg selbstverständlich die NPD, doch ebenso für die Publizistik.
Die NPD gibt sich als verfolgte Unschuld und hofft darauf, aus der gegenwärtigen Medienkonjunktur weitere Stärke zu gewinnen. 500 neue Mitglieder habe man in den letzten Wochen rekrutiert, prahlte ihr Anführer Udo Voigt - das wäre ein Zuwachs von gut 8 Prozent. Per Pressemitteilung vom 10.8.2000 tönte die Partei lauthals, sie rechne nicht mit einem Verbot.
Voigt erklärte scheinheilig, dass »die NPD seit ihrer Gründung 1964 Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele strikt ablehnt, sich eindeutig zum Grundgesetz bekennt und als demokratische Partei von unten nach oben aufgebaut ist. Somit halte ich ein Verbot für unbegründet und juristisch nicht durchsetzbar«. Auch konnte Voigt bei einer Pressekonferenz einen prominenten Neuzugang präsentieren: Horst Mahler.
Der Mitbegründer der RAF, seit einigen Jahren schon als hyperaktiver Antisemit bekannt, brachte neben Papieren, die noch einen Tick verrückter sind, als seine Schreibe aus den letzen beiden Jahren, gleich eine Neugründung mit, die Initiative »Ja zu Deutschland - Ja zur NPD«.
Eine Konsequenz zog die NPD: Sie wolle vorläufig keine Aufmärsche mehr durchführen; abgesagt wurde u.a. der geplante Aufmarsch am Bauplatz des Berliner Holocaust-Mahnmals am 27. Januar 2001. Dieser Beschluss gilt indes mit einer Ausnahme: Aufmärsche, um gegen ein Verbot der Partei zu mobilisieren. So fand bspw. am 26. August in Halle ein zweistündiger Aufmarsch von 100 Neonazis statt; angemeldet wurde er von einem Funktionär der Jungen Nationaldemokraten im Namen einer »Initiative gegen Parteienverbote«.

NPD-Freund Friedhelm Busse

Keine taktischen Rücksichten nimmt die Zeitschrift »Sachsenstimme« des sächsischen NPD-Landesverbandes. Hier bekennt man sich offen zur Kooperation mit Neonazis. In ihrer aktuellen Internetausgabe meldete die »Sachsenstimme« stolz: »Friedhelm Busse auf Sachsen-Fahrt«. Auf Einladung des »Freundeskreis Ein Herz für Deutschland« sprach der »nationale Aktivist und Freund der NPD Friedhelm Busse« in mehreren Städten Sachsens, so auch am 27. März »in Leipzig zu Mitgliedern der NPD, die neben jungen Leuten von freien Kameradschaften den Raum füllten«.
Busses wie üblich gebotene Kritik am »herrschende[n] brd-System [sic]« und seinen Verfehlungen gipfelte in einer - zumal vor diesem harmlosen Publikum gewiss völlig friedfertigen - Voraussage: »Dafür wird die erwachende deutsche Jugend die herrschende Clique gebührend zur Verantwortung ziehen«, was die »Sachsenstimme« wie folgt kommentiert: »Donnernder Beifall bewies, dass der Redner von den Anwesenden verstanden wurde.«
Die militanten Nazis geben sich siegessicher, einige wollen in der jetzigen Aufregung gleich die letzten Zuckungen des maroden Systems entdecken. Die Kameraden vom Hamburger NIT melden am 21.8.2000 »Demo gegen Presselügner«, um dann wie folgt loszuzetern: »Damit konnte man bei den Medien nur Wutgeheul auslösen. Erstmalig protestierten in Hamburg Anhänger des nationalen Spektrums gegen die widerwärtige Hetzkampagne der alliierten Lizenzpresse, symbolisch festgemacht am Protest gegen den Axel-Springer-Verlag. Springer, der im Nationalsozialismus noch Hetzberichte gegen Juden schrieb, betätigte sich nach dem Krieg als Wendehals und machte sich als 'Israel'-Fan lieb Kind bei den Alliierten. Zum Dank erhielt er die Lizenz zur Herausgabe einer Tageszeitung - der Grundstein seines Medienimperiums war gelegt. Heute sind Lobpreisungen Israels bei Springer ebenso redaktioneller Grundsatz wie pausenlose Hetze gegen nationalgesinnte Deutsche. Worch erinnerte in seiner Rede an das Kesseltreiben der BILD-Zeitung in der 60er Jahren gegen Aktivisten der Studentenbewegung. Seinerzeit belagerten aufgebrachte Demonstranten das Verlagshaus, weil sie die Hetzberichte der Zeitung mitverantwortlich machten für die Schüsse auf Rudi Dutschke. Worch bezeichnete Dutschke als 'nationalen Freiheitskämpfer', weshalb die Rudi Dutschkes von heute Wulff und Worch hießen. Die Kundgebung vor dem Springer-Verlag, an der 120-150 Personen teilnahmen, endete nach annähernd zwei Stunden mit dem Singen der Nationalhymne.«

REPs rufen Haltet den Dieb!

Während sich die NPD in Tapferkeitsritualen ergeht und einige der Militanten mal wieder die finale Systemkrise kommen sehen, schwankt die rechte Parteienkonkurrenz zwischen der Sorge, die gesamte extreme Rechte könnte im Eifer des Gefechts Schaden nehmen, und der Schadenfreude, die schlagkräftige Konkurrenzpartei könnte aus dem Rennen geworfen werden.
Rolf Schlierer, Parteichef der REPs und ihr Fraktionsvorsitzender im Landtag Baden-Württemberg, schloss sich der Forderung nach einem NPD-Verbot an. Ob er, der nach dem Abgang Franz Schönhubers den REPs ein honoriges Image zu verpassen suchte, damit parteiintern auf einhellige Zustimmung stoßen wird, darf bezweifelt werden. Zudem müssen sich auch die REPs mit einem Problem namens Horst Mahler herumschlagen.
Getragen von einem wohl grenzenlosen Selbstbewusstsein, die gesamte extreme Rechte auf seinen Kurs zu bringen, war Mahler nämlich auch zusammen mit einem prominenten REP in die Bütt gestiegen, dem stellvertretenden Parteivorsitzenden Hans Hirzel.

Freys »National-Zeitung« rettet deutschen Anstand

Das Zentralorgan des DVU-Chefs Gerhard Frey, die »National-Zeitung« (NaZe), schafft es, das völkisch-nationalistische Standardprogramm auch auf diese Diskussion zuzuschneiden: vom Heulen übers Heucheln zum Hetzen. Der als Leserschaft angepeilte »Rübe-Ab!«-Pöbel wird mit der blutroten Schlagzeile »Wo bleibt die Todesstrafe? Die Konsequenz aus der Teufelstat von Düsseldorf« (NaZe 32/2000) bedient. Eine Woche später folgt: »,Rechtsradikale': Wie viel ist gelogen?« (NaZe 33/2000).
Nach mehreren Seiten, die den »Lügen« gewidmet sind, wendet man sich einer anderen Frage zu, nämlich - so die Schlagzeile - »Wer ist schuld an Deutschlands Entrechtung?« (NaZe 33/2000, S. 3) Die Fotofolge zeigt die gewohnten Akteure im »schmutzigen Spiel von Medien und Politik«, als da sind: Willy Brandt beim Kniefall im Warschauer Ghetto, Richard von Weizsäcker im Gespräch mit dem Regisseur Steven Spielberg und Joseph Fischer in Yad Vashem. Soll heißen, »die Juden« seien »unser Unglück«.
Die Beweisführung war bereits in zwei Schritten im Zuge einer »ernste[n] Auseinandersetzung mit ausländerfeindlicher Gewalt« erfolgt.
Sie steht unter dem Titel »Nicht Amok und Hass, sondern Charakter und Herz!« (NaZe 31/2000, S. 13) - für die NaZe Ausdruck der Differenz undeutsch/deutsch. (Wenig später wird diese Differenz durch »Hass und Gewalt statt Anstand und Recht« ausgedrückt - NaZe 35/2000, S. 3.) Der anonyme Autor beleuchtet die »Aufheizung der Täter im Skinhead- und Szenemilieu« und schreibt: »Das Angebot in 'Pühses Liste' des NPD-Verlags 'Deutsche Stimme' ist ein regelrechtes Horrorkabinett. [.] Die Produzenten und Vertreiber derartiger Machwerke machen sich mitschuldig an blutiger Gewalt« (NaZe 31/2000, S. 13). Geschickt schießt man sich so auf ein Mitglied des NPD-Bundesvorstandes ein: Jens Pühse.

NaZe: »Goldhagens willige Vollstrecker«

Als einer der wahrhaft Schuldigen taugt Pühse indes nicht - diese dürfen nicht deutsch sein. Diese notwendige Verrenkung in der NaZe-Argumentation leitet ein Satz ein, der sich nur vordergründig auf Unholde vom Schlage Pühses bezieht: »Wer Deutschtum als Verbrechertum interpretiert, ist unser erbittertster Feind.« Wer damit tatsächlich gemeint ist, das zeigt die nächste Zwischenüberschrift: »Goldhagens willige Helfer«, unter der es dann heißt: »Die sich als Mörder und Brandschatzer gebärden sind also bei Licht betrachtet die Vollstrecker (oder 'willigen Helfer') der abwegigen Darstellung, wie sie auch bei Spielberg, Goldhagen oder Lea Rosh zum Ausdruck kommt, wonach [.] Töten ein deutsches Geschäft sei« (NaZe 31/2000, S. 13).
So bleibt es in der NaZe nicht dabei, auf V-Leute als Urheber der Gewalt zu verweisen, allgemein den »miesen Schweinejournalismus« für rechten Terror verantwortlich zu machen oder diesen gleich zum »Phantom« zu erklären, wie Bruno Wetzel (NaZe 33/2000, S. 2) dies besorgt oder später der DVU-Führer Gerhard Frey höchstpersönlich, der seine Leserschaft gegen eine »Lügen-Orgie gegen rechts« (NaZe 36/2000, S. 1-2) aufpeitscht. Mit Daniel J. Goldhagen als exemplarischer Personifizierung jüdischer Machtgelüste ist auch die Verschränkung mit der fortlaufenden Agitation gegen die Entschädigung von Zwangsarbeitern gewährleistet. Den Anlass für passende Titelgeschichten und »Hintergrund«-Stories liefert das einschlägige Buch Norman Finkelsteins, das demnächst in deutscher Übersetzung im Piper-Verlag erscheinen wird.
Finkelstein machte sich einen Namen als geifernder Kritiker Goldhagens, und sein neues Buch über vermeintlichen Betrug der Jewish Claims Conference erfreut sich bei allen Fraktionen der extremen Rechten, von Organen der »Vertriebenen« bis zu den Homepages harter Holocaustleugner und Antisemiten großer Beliebtheit.

Schönhuber und Mahler

Horst Mahler genießt auch nach seinem Beitrittsgesuch bei der Parteikonkurrenz eine gewisse Anerkennung in der NaZe. Nachdem er gemeinsam mit dem ehemaligen REP-Chef und ständigem NaZe-Kolumnisten Franz Schönhuber ein Buch verfasst hat, das auch ausgiebig in der NaZe diskutiert wurde (vgl. NaZe 30/2000, S. 13 u. 31/2000, S. 8), hätte man erwarten können, dass sich die NaZe nach seinem Absturz Richtung NPD scheinheilig von Mahler distanziert. Oder ihn fortan geflissentlich beschweigt. Doch weit gefehlt.
Schönhuber bricht in seiner Kolumne »Das Letzte aus Absurdistan« (NaZe 36/2000, S. 7), die sich mit der aktuellen Medienkampagne befasst und »Hinrichtungsjournalismus« beklagt, eine Lanze für Mahler. Und zwar auf Kosten Klaus Rainer Röhls, der als Autor in der »Jungen Freiheit« und im Schlepptau Rainer Zitelmanns (ehemals Lektor bei Ullstein und Ressortleiter »Geistige Welt«, dann Redakteur bei der Tageszeitung »Die Welt«), Ulrich Schachts und Heimo Schwilks (Herausgeber des kollektiven Manifest »Die selbstbewußte Nation« und Redakteure der »Welt am Sonntag«) vor einigen Jahren eine publizistische Karriere in der »Neuen« Rechten, Abteilung »Nationalliberale« begonnen hatte:
»Merkwürdige Wahlverwandtschaften tun sich neuerdings auf in Deutschland. Eine der widerlichsten Figuren der deutschen Publizistik, der frühere Konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl, Ex-Gatte von Ulrike Meinhof, geriert sich jetzt als Verteidiger der Demokratie.« Schönhuber erinnert an die »mit Hilfe argloser deutscher Verleger« vollzogenen »Anschleimversuche des Herrn Röhl an das deutsche Establishment«. Diese seien »inzwischen geglückt. So durfte Röhl in der 'Welt am Sonntag' vom 20. August dieses Jahres gegen Ulrike Meinhofs Mitstreiter Horst Mahler vom Leder ziehen. Eingeweihte wissen warum. Der Herr Röhl war von der fixen Idee besessen, Baader und Mahler sollten ihn im Auftrag seiner geschiedenen Frau erschießen.«
Das NIT Hamburg meldete am 5.9.2000, Franz Schönhuber werde zusammen mit Horst Mahler, Udo Voigt und Reinhold Oberlercher am 7.9. in Berlin die Kampagne »Ja zu Deutschland - Ja zur NPD« der Presse vorstellen (was auch geschah, d.red.).

JN als Sozialarbeiter in der »Jungen Freiheit«

Auch die »Junge Freiheit«, das Wochenblatt für den völkischen Nationalisten mit Latinum, räumt der Diskussion viel Platz ein. Das Thema wurde zur Chefsache erklärt, und der Chef, Dieter Stein, ist sichtlich nervös. Anlässlich des Anschlags auf die Asylunterkunft in Ludwigshafen vergoss Stein in einem Kommentar Krokodilstränen über »Nationale und Gewalt« (JF 31-32/2000, S. 2), um drei Seiten weiter eine als Interview ausgegebene eitle Selbstdarstellung eines besonders versierten Experten für Nazi-Glatzen zu präsentieren: Sascha Wagner, einst Hooligan bei Alemania Aachen, heute Vorsitzender der JN in Rheinland-Pfalz. Im Gespräch mit Stein empfiehlt Wagner die JN als »die besten Sozialarbeiter« und entlarvt »Spitzel des Verfassungsschutzes und die Medien« als »Heißmacher« (JF 31-32/2000, S. 4) - ein passendes Wort im Zusammenhang mit einem Brandanschlag.

Die »Junge Feigheit« nimmt Abschied von Horst Mahler

Knapp einen Monat später steigert sich Stein, indem er sich zweier auf die äußerste Rechte abgewanderter Alt-68er annimmt: Horst Mahler, das neue Mitglied der NPD, und Günter Maschke. Auf einer Spalte beklagt Stein Mahlers »Weg in die Einsamkeit« (JF 35/2000, S. 3) - eine merkwürdige Interpretation eines Beitritts zu einer Partei. Unzweideutig öffentlich wahrnehmbare Nähe zur NPD war Stein immer ein Dorn im Auge, da dies seinen so angestrengten wie heuchlerischen Bemühungen, seinem Blättchen ein honoriges Image zu verpassen, den Rest geben würde. Daher wird Mahler nun zum Prügelknaben. Stein sieht Mahler »in einer tragischen Sackgasse zum Stillstand gekommen«: »Autistisch Hegel und Marx zitierend, schlafwandelt er in seinen Schriften und Reden, wie auch im persönlichen Gespräch.« Sentimental menschelnd, möchte Stein »den Menschen [Mahler] hinter der Mauer entdecken, doch sein Blick ist in die Ferne gerichtet und er selbst weit fort.« Dass Mahler »weit fort« sei von Steins Postille, davon kann der Chefredakteur nur träumen. Alles, was er im folgenden über Mahler schreibt, galt schon für dessen Texte, bevor Mahler als Autor bei der JF hofiert wurde, und es galt auch für seine Texte in der JF - nicht zufällig wurde einer der Beiträge Mahlers zur Walser-Debatte sowohl in der JF wie im NPD-Organ »Deutsche Stimme« abgedruckt (vgl. die Dokumentation »Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verständnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers«. Hg. v. M. Dietzsch u.a. Duisburg: DISS 1999).
Nun gibt sich Stein erschüttert: Mahlers Presseerklärung zum NPD-Beitritt sei »eine rätselhafte, weitschweifige Begründung für Antisemitismus und die Bedrohung durch die Juden. Mahler spricht von einer 'geheimen Regierung' Deutschlands und entfaltet eine Verschwörungstheorie, die kaum eines der gängigen Klischees ausläßt. Verfaßt nur in der kühlen Sprache des Marxisten und Anwalts« (JF 35/2000, S. 3).
Offenkundig kennt Chefredakteur Stein die Redaktionslinie seines Blattes nicht. Diese schriebe nämlich vor, für Mahler ein Spendenkonto einzurichten, so wie die JF vor wenigen Wochen für Josef Klumb, den Lautsprecher des esoterischen Antisemitismus, zu Spenden aufrief. Dessen Geschwätz über eine Verschwörung, das kaum eines der gängigen Klischees ausließ, war seiner Karriere als Musiker nach einem kurzen Höhenflug mit seiner Band »Weissglut« bei einem Label des Sony-Konzerns nicht eben förderlich, und so endete Klumb vorläufig als vom Bingener Sozialamt zu Arbeit auf dem Friedhof verpflichteter verkannter Künstler. Die Spenden der JF-Leserschaft sollten Klumb neue musikalische Projekte ermöglichen (vgl. JF 24/2000, S. 16).
Aufgrund dieser Blattlinie wundert es nicht, dass Mahler in zwei Leserbriefen gegen Steins Darstellung verteidigt wurde (vgl. JF 36/2000, S. 15).

Mahler-Ersatz Günter Maschke

Stein hat allerdings einen gleichwertigen Ersatz für Kamerad Mahler gefunden, der nur bei oberflächlicher Betrachtung unverdächtig erscheinen könnte. Stein interviewt ausgiebig Günter Maschke. Gemeinsam mit Mahler und dem völlig abgedrehten Reinhold Oberlercher zeichnete Maschke für die Ende 1998 vorgelegte »Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968« verantwortlich. Artikel 5 dieses kruden Papiers, das die 68er Revolte als antiamerikanischen befreiungsnationalistischen »deutschen Aufstand gegen eine Besatzungsmacht« umdeutet, lautet wie folgt: »Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) spielte eine der Jenenser Urburschenschaft vergleichbare Rolle als nationalrevolutionärer Initiator. Der zu Beginn der 70er Jahre sich bildende Waffen-SDS (Rote Armee-Fraktion) setzte die Tradition eines Karl Sand, eines Major von Schill und eines ernsthaften Waffenstudententums fort. In der tragischen Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer traf der Waffen-SDS einen SS-Mann, der die Position der nationalrevolutionären Volksgemeinschaft zugunsten derjenigen des Anführers eines Klassenkampfverbandes verraten hatte« (Staatsbriefe 1/1999, S. 16). - Nach Genuss dieser schwindelerregenden historischen Ableitung weiß man wenigstens, wie Neonazis darauf kommen, Wulff und Worch am Springer-Haus als die Dutschkes von heute zu bezeichnen!
Der an Carl Schmitt geschulte Maschke gibt Stein die volle Dröhnung Fundamentalkritik am »System«, das völlig illegitim sei und in dem die »geistige Freiheit [.] gegen Null gehe«. Auf die Frage, ob er meine, »die äußerste Rechte, die den Kampf explizit auf die Straße tragen möchte, vertrete tatsächlich eine legitime Gegenposition zum ,System'«, meint Maschke: »Dieses Land kämpft darum, seine eigenen Interessen nicht mehr formulieren zu dürfen. Der Widerstand dagegen könnte sich ausweiten und intelligenter werden, wobei ich allerdings mit Blick auf das verfügbare Potential skeptisch bin. Deshalb müssen schon die Ansätze rasiert werden. [.] Und ich werde mich deshalb auch nicht abgrenzen. Nicht weil es keine Unterschiede gebe, sondern weil die falschen Leute dazu auffordern und man das außerdem nicht vor den Ohren des gemeinsamen Feindes tut« (JF 35/2000, S. 7). Bleibt nur die Frage, wann Stein, die Mensch gewordene Fahne im Wind, sich von Maschke abwenden wird.

»Normal« sein

Allerdings hat Stein den Dreh gefunden, um der Lage doch noch eine optimistische Perspektive abzugewinnen. Während er 1993 noch in einem Leitartikel verzweifelt fragte »Wann werden wir endlich normal?« (JF 7-8/93, S. 1), hat er heute, etliche rechte »vollendete Tötungsdelikte« (so der Jargon von Polizei und Justiz) später und nach dem Einschnitt durch die Friedenspreis-Rede Martin Walsers den Blick frei auf die »selbstbewußte Nation«. »Wir dürfen normal sein«, ist sein Leitartikel überschrieben, in dem es abschließend heißt: »Es ist leider bisher nur von wenigen begriffen worden, daß die in Deutschland lebenden Ausländer nicht Gegner, sondern natürliche Verbündete auf dem Weg zu einer deutschen Normalisierung sind. Denn sie wollen am allerwenigsten in einem ruhelosen, identitätslosen Land leben, das sich selbst verleugnet, sondern in einer selbstbewußten Nation« (JF 35/2000, S. 1).

»Der Schlesier« gegen »Verfolgungsdruck«

Auch die Presse der »Vertriebenen«, seit jeher treibende Kraft des expansionistischen völkischen Nationalismus, sieht sich zu Stellungnahmen genötigt. In »Der Schlesier«, einst offizielles Organ der Landsmannschaft Schlesien, ereifert sich Herbert Jeschioro auf der Titelseite. Der Vorsitzende des Zentralrats der vertriebenen Deutschen e.V. gibt sich, selbstverständlich in alter Rechtschreibung, auf seine ganz eigene Weise rechtsstaatlich und antinazistisch: »Wenn nach derartigen Gewalttaten« wie dem Düsseldorfer Sprengstoffattentat »aber der Eindruck entsteht, daß diese dazu dienen, ein Kesseltreiben veranstalten zu können, wie dies im Grundsätzlichen 1933 nach dem Brand des Reichstags geschah, als Kommunisten, die noch nicht zum Nationalsozialismus übergetreten waren, mit dem Mittel des Verfolgungsdruckes 'bekehrt' werden sollten, dann ist Widerspruch angesagt.« Und weiter: »Ein Rechtsstaat darf es nicht dulden, daß durch die Politik oder die Interessengruppen Täter 'delegiert' werden und durch gezielten Verfolgungsdruck in einem Aufwasch auch gleich diejenigen einbezogen werden, die deshalb als unbequem gelten, weil sie die Einhaltung geltenden nationalen Rechts fordern und den Mißbrauch an der Demokratie anprangern« (Der Schlesier 32/2000, S. 1).

»Ostpreußenblatt« wiegelt ab

Während Jeschioro und dem »Schlesier« aufgrund ihrer Positionen auf der äußersten Rechten die Lage gefährlich erscheint, gibt sich »Das Ostpreußenblatt« vergleichsweise gelassen - die Wochenzeitung der Landsmannschaft Ostpreußen kann sich ja auch auf offizielle Anerkennung stützen. Hier will man mit alledem aber auch rein gar nichts zu tun haben. Niemand soll daran erinnert werden, dass die LMO kürzlich noch heftige organisationsinterne Probleme mit ihrem Nachwuchs hatte, von dem man sich schließlich wegen öffentlichen Drucks trennen musste. Die Junge Landsmannschaft Ostpreußen beschränkt sich keineswegs auf landsmannschaftliche Nachwuchsarbeit, sondern sucht die Aktionseinheit mit militanten Nazis. Doch die Trennung von ihrem weit rechtsauslegenden Nachwuchs fällt den Organisationen der »Vertriebenen« schwer. Nach Informationen der »Tageszeitung« (27.7.2000) ist die JLO immer noch außerordentliches Mitglied beim Bund der Vertriebenen (BdV) - via die Arbeitsgemeinschaft »Junge Generation im BdV«. Ein Ausschlussverfahren scheiterte im Frühjahr. Übrigens wurde der prominente NPD-Neuzugang Horst Mahler auch im »Ostpreußenblatt« längere Zeit hofiert; seine paranoide rassistische »Flugschrift an die Deutschen, die es noch sein wollen, über die Lage ihres Volkes, verfaßt im November 1998« erschien als Serie auch im »Ostpreußenblatt« (6-8/1999).
Der verantwortliche Redakteur Peter Fischer hat also allen Grund, in der »aufgeheizte[n] Sphäre ein angemessenes Wort zur Lage« zu finden und so auf Distanz zu gehen. Unter dem betont nüchternen Titel »Aufklärung« (OP 32/2000, S. 1) zeigt Fischer, der von Kant und der Aufklärung nur »Königsberg« verstanden hat, dass er den Mut besitzt, sein Gehirn auszuschalten.
Er hält es in diesem Leitartikel mit dem Innenminister Brandenburgs, Jörg Schönbohm (CDU); dessen bahnbrechende Erkenntnisse über Gruppenprozesse, Alkohol und Mutproben als Ursachen von tödlicher Nazigewalt, vermutlich aus dem Einsatz von V-Leuten gewonnen, decken sich mit Fischers Erfahrungswelt: »Wer in einer Kleinstadt aufgewachsen ist und zum Tanz unterm Maibaum auf die Dörfer geht, muß immer gewärtig sein, daß er eine handfeste Rauferei riskiert. Das mag [.] politischen Köpfen ,faschistisch' vorkommen, es spiegelt eine Wirklichkeit, die von der pommerschen Küste bis Andalusien reicht, ohne daß hier Arbeitslosigkeit oder extreme politische Anschauungen die Hand führen.«
Eine Woche später gibt sich der Redakteur Hans Heckel auf der Titelseite des OP alle Mühe, weitschweifig die neonazistische Gewalt herunterreden. Er wettert gegen die »organisierte Empörung« und behauptet: »,Rechtsextreme Gewalt' seit Mitte der 90er Jahre deutlich zurückgegangen« (so der Untertitel; OP 33/2000). Derweil hat Peter Fischer längst ein neues Thema entdeckt, nämlich »Zukunft«.
Den willkommenen Anlass, heftig auszuteilen und eines der Essentials des völkischen Nationalismus, nämlich Bevölkerungspolitik, zu propagieren, bot Bayern Ministerpräsident Edmund Stoiber: »Während die Bundesrepublik in den Fieberwahn einer Rechtsextremistenhatz getrieben wird und eine offenkundig maß-, gesetz- und geistlos gewordene Journaille bereits ihre Leser dazu auffordert, ,sich zu bekennen, gegen die Gedankenlosigkeit am Nachbartisch, wenn scheinbar harmlose Witze die Runde machen', findet Bayerns Ministerpräsident Stoiber immerhin noch den Mut, ,eine nationale Bevölkerungspolitik' zu fordern« (OP 33/2000, S. 1).
Womit wir beim politischen Establishment, der Mitte der Gesellschaft und dem »Racism at the top« (Teun A. van Dijk) angelangt wären, doch das ist ein anderes Thema.

Alfred Schobert