Referat Manfred Weißbecker, Historiker

Jahrestagung 21. November 1998


Manfred Weißbecker

Die Geschichte der NSDAP als Erfahrung für die Gegenwart


Lassen Sie mich bitte mit der Schilderung zweier Episoden beginnen. Sie stammen aus jener Zeit, da Kurt Pätzold und ich erstmalig über einem Manuskript zur Geschichte der NSDAP brüteten. Dem Erscheinen von „Hakenkreuz und Totenkopf. Die Partei des Verbrechens“ wurde 1981 nichts mehr in den Weg gelegt, als der oberste Ideologie-Manager der DDR sein Placet gegeben und gemeint hatte, im Personenregister sollten unter dem Buchstaben „H“ doch mehr Namen als nur die von Hitler, Heß, Himmler und Heydrich auftauchen. Wir betrachteten dies mit der Erwähnung von Honecker, Hoffmann und Hager als erfüllbaren Wunsch. Einem anderen Verlangen wollten wir dagegen nicht folgen: Allen Ernstes hatte einer der Gutachter mit der Autorität eines großen Instituts im Rücken erklärt, es seien jene Kapitel bis 1929 glatt zu streichen, da erst mit der Weltwirtschaftskrise die Geschichte dieser Partei beginnen würde.

Doch gerade um diese wird es heute in hohem Maße gehen. Froh darüber, will ich mich für die Einladung nach Köln danken, zumal Kurt Pätzold und ich ja erst vor kurzem eine „Geschichte der NSDAP 1920-1945“ im hiesigen PapyRossa Verlag veröffentlicht haben. Seither treibt uns mehr denn je die Erwartung spannender, ja auch kontroverser und vor allem hilfreicher Debatten, die vielleicht ein wenig dazu beitragen könnten, eines Tages tatsächlich die faschistische Vergangenheit als erledigten Politikfaktor abhaken zu können. Indes fehlt dahin noch sehr, sehr viel ...

Aktuell wurde das Thema nicht erst seit den DVU-Erfolgen bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt vom April dieses Jahres. Die Auffassung, dass es nach den Bundestagwahlen mit ihrem erfreulich geringeren Stimmenanteil der extremen Rechten dennoch keinerlei Sorglosigkeit geben darf, darf ich in unserem Kreis wohl als selbstverständlich voraussetzen. Nach wie vor existiert ein starkes rechtsextremes Potenzial in den deutschen Landen, unübersehbar und weitaus furchterregender aber ebenso jenes Potenzial, das die Gesellschaft einschließlich ihrer etablierten Parteien für den Rechtsextremismus bietet.

Eben in diesem Sinne haben wir unser Buch als „Warnung“ angelegt. Wir sehen im Faschismus eine der Ausgeburten der bürgerlichen Gesellschaft, eine der möglichen Folgen ihres Dranges nach Maximalprofit und Expansion, einen ihrer Versuche, immanente ökonomische oder/und politische Krisen mit terroristischen Mitteln und chauvinistischer Ideologie bewältigen zu wollen. Nicht zuletzt sehen wir den Faschismus als Ausdruck von Bemühungen, effektivste Kapitalverwertungsbedingungen zu schaffen, selbst wenn dies nur durch eine Aufhebung der ursprünglichen aufklärerisch-humanistischen Anliegen des Bürgertums und aller von der Arbeiterbewegung durchgesetzten Beschränkungen seiner Macht erreicht werden kann. Und die NSDAP sehen wir als Bestandteil, Ergebnis und Ausdruck von 25 Jahren deutscher Geschichte sowie zugleich als einen Teil der Geschichte des Parteienwesens im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts.

Wenn im folgenden vorrangig einige Aspekte parteipolitischer Erscheinungs- und Wirkungsformen des deutschen Faschismus in den Jahren der Weimarer Republik benannt werden, ist dennoch zunächst einmal darauf zu verweisen, welches Ausmaß und welche Geschichtsmächtigkeit der Faschismus – nicht zuletzt dank des Wirkens seiner Partei – zu erreichen in der Lage war: Der NSDAP war es gelungen, von einer der kleinsten Organisationen zur mitglieder- und wählerstärksten Partei der deutschen Geschichte zu werden. Ihre Mitgliederkartei verzeichnete, als Hitler ihr beitrat, 55 und 1943, bevor sie „kriegsbedingt“ eingestellt wurde, rund achteinhalb bis neun Millionen Namen. Die NSDAP stand an der Spitze eines – bereits in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre sorgfältig vorbereiteten – umfassenden Organisationensystems, deren einzelne Verbände – gleich ob DAF, HJ, SA, SS u.a.m. – wiederum selbst Millionen erfassten und in jeden Winkel der Gesellschaft hinein reichten.

Ohne sie hätte das faschistische Regime nicht funktionieren können, ohne die „willigen“ Helfer insbesondere aus ihren Reihen wären kein totaler Krieg, keine barbarische Okkupationspolitik und erst recht kein Völkermord zu realisieren gewesen, ohne sie hätte während des Zweiten Weltkrieges das System der rund 20.000 Zwangsarbeiterlager nicht funktionieren können, ohne sie wären schließlich auch nicht die meisten Deutschen bereit gewesen, den Krieg so sinnlos und opferreich bis „fünf Minuten nach zwölf“ zu unterstützen.

Dass die NSDAP aus ihrem ursprünglichen Zustand einer Splitterpartei heraustreten und sich zur erfolgreichen Massenpartei entwickeln konnte, beruhte auf einer Vielzahl geschichtswirksamer, sich vor allem in der Zeit der Weltwirtschaftskrise bündelnder Faktoren. Grundsätzlich gilt: Sie wurde entscheidend von konservativ-deutschnationalen Großindustriellen, Bankiers, Großagrarierern, Militärs, Beamten und Politikern anderer bürgerlicher Parteien gefördert, welche sie – in Kenntnis des Programms und der Ideologie des Nationalsozialismus wohlgemerkt - für ihre eigenen wirtschaftlichen, politischen und geistigen Zwecke auszunutzen und organisatorisch zu instrumentalisieren versuchten. Ein solches Bestreben kam letztlich allein der NSDAP zugute.

Seither besagt eine der wesentlichsten geschichtlichen Erfahrungen: Wer damals, speziell in jenen 14 Jahren der Weimarer Republik, das Potenzial der Rechtesten unter den Rechten zu nutzen versucht hatte, trug dazu bei, es entscheidend zu fördern. Man denke an den bayerischen Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr, der den ersten Putsch der nationalsozialistischen Bewegung vorbereiten half und gleich dem Zauberlehrling die Geister nicht wieder los wurde, als sie ihm überflüssig erschienen. Man denke an das Münchener Volksgericht, das den Putschisten Hitler mit einem Urteil bedachte, in dem auch bei bestem Willen keine Strafe zu erkennen war. Man erinnere sich an die von den Deutschnationalen eingefädelte Kooperation mit der gerade von lediglich 2,8 Prozent der Stimmen in den Reichstag gewählten NSDAP gegen den Young-Plan, zu deren Ergebnis Hof- und Salonfähigkeit der deutschen Faschisten gehörten. Man denke schließlich an das Konzept, das unter den Stichworten „Einrahmung“ und „Zähmung“ in die Geschichte rechtskonservativ-nationalsozialistischer Bündnispolitik einging. Man denke auch an die nahezu rührseligen Nachkriegserzählungen und Unschuldsbeteuerungen, die z.Z. vor allem in der sogenannten Wehrmachtsdebatte und den von Gewissenskonflikten triefenden Filmen des Herrn Knopp vom ZDF wieder auftauchen.(1)

Die Vergangenheit lässt sich allenfalls verdrängen und umdeuten, aber nicht aufheben. Es bleibt dabei: Die Duldung und Unterstützung chauvinistischer und rassistischer Forderungen, der Versuch, sie zu legalisieren und – je nach Möglichkeit und Erfordernis – für eigene Zwecke zu instrumentalisieren, erhoben den sich braun färbenden Rand der Gesellschaft in den Rang von Normalität. Ihre Träger machten die tagespolitische Einträglichkeit zum obersten politischen Prinzip und ließen schließlich die vielgerühmte „Mitte“ der Gesellschaft zum opferwilligen Spielball selbstzerstörerischer Absagen an jegliche Form von Demokratie werden. Wer seine Gegner hauptsächlich unter den deutschen Linken, unter Antifaschisten aller Richtungen sah, stärkte den Rechten den Rücken, der erleichterte die schrittweise Hinwendung nach rechts und lieferte zugleich Munition für die zahllosen Argumente, mit denen Gefahren kleingeredet und unterschätzt wurden. Wer den Demagogen einer rassereinen deutschen Volksgemeinschaft nach dem Munde redete, besorgte auch deren undemokratische Geschäfte. Und wie nimmt sich das Gesagte aus, setzt man die hier verwendeten Verben in den Präsens? Gewiss kaum anders ...

Die historische Wahrheit gebietet allerdings, auch auf eine andere bittere Erfahrung zu verweisen: Zugunsten der NSDAP wirkte sich ebenso aus, dass zahlreiche Argumente des damals so hilflos versagenden Antifaschismus sich als null und nichtig erwiesen: Bitter rächte sich jede Verniedlichung des Problems, jedes Kleinreden der Gefahren (ich nenne nur den beschwichtigenden Satz: „Deutschland ist nicht Italien“), jede Spekulation auf einen Zerfall, jede Hoffnung auf ein Auseinanderbrechen dieser Partei, jede letztlich aus allzu egoistischen Gründen getroffene Entscheidung gegen antifaschistische Bündnisse und gemeinsame Aktionen aller vom Faschismus bedrohten Kräfte. Bekanntlich wurden die 2,8 % der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom Mai 1928 in der Presse nicht erörtert; übrigens auch nicht von der „Roten Fahne“. Solche Erfahrung besagt, dass Rechtsextremismus in keinem Falle als eine zu vernachlässigende Größe betrachtet werden sollte, auch wenn er als relativ kleine Partei oder in einer Vielzahl unterschiedlicher Organisationen daherkommt. Sein – wenn ich es einmal so nennen darf – „Gemeinsamkeitspotenzial“ war damals wesentlich größer als organisationsstrukturelle Differenzen vermuten ließen. An der Lernfähigkeit heutiger rechtsextremer Parteien zu zweifeln, kann wiederum bittere Folgen aufweisen. Zersplitterte Organisationen einer bestimmten Parteienrichtung müssen nicht auf immer und ewig von Zusammenschluss und Vereinheitlichung entfernt bleiben ...

Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise bewegte sich die NSDAP nicht nur mehr und mehr in die bislang zur Mitte der Gesellschaft gehörenden
Eliten hinein. In gleicher Weise bewegten sich deren Parteien zu ihr hin. Ohne den Nährboden einer wirtschaftlich krisengeschüttelten, aber ebenso ohne die politisch versagende deutsche Gesellschaft hätte die NSDAP weder so enorm anwachsen und sich entfalten noch an die Macht gelangen können. Und sie selbst erbrachte beträchtliche „Vorleistungen“, um als Faktor bürgerlicher Politik anerkannt zu werden: Dazu gehörte ihre sie von allen anderen Parteien unterscheidende Fähigkeit, programmatisch wie demagogisch an tatsächliche und vermeintliche Bedürfnisse, Wünsche und Ängste der Massen anzuknüpfen sowie eine große Zahl von Mitgliedern und Wählern an die Erfüllbarkeit ihrer Heilsversprechungen dank terroristischer und rassistisch-friedloser Methoden glauben zu lassen. Zu ihren „Vorleistungen“ gehörte auch die durchaus geschickte Verknüpfung ihres Konzeptes „national plus sozialistisch“ mit dem Bemühen, Massen zu politisieren und zu mobilisieren.

Wie keine andere deutsche Partei erreichte die NSDAP nach 1933 einen bis dahin unbekannten, einen nicht für möglich gehaltenen flächendeckenden Grad individueller und gesellschaftlicher Organisiertheit der Bevölkerung. Sie wuchs zum Träger einer „Organisationen“-Gesellschaft heran, in der sich kaum einer – ob Arbeiter oder Gewerbetreibender, ob jung oder alt, Mann oder Frau usw. –  dem Einfluss ihres breit gefächerten Systems von Gliederungen, angeschlossenen Verbänden und betreuten Organisationen entziehen konnte. Nimmt man allein die Tatsache zum Vergleich, dass bis 1933 jede gesellschaftliche Schicht oder Gruppe – Frauen, Kinder, Lehrer, Ärzte usw. – mehrere Organisationen entsprechend der politisch-ideologischen Grundströmungen in der deutschen Parteienlandschaft besaßen und zudem große Teile der Bevölkerung – z.B. fast die Hälfte derer, die statistisch zur Arbeiterklasse zählten – überhaupt keiner politischen oder gewerkschaftlichen Organisation angehörten, lässt sich leicht ermessen, zu welcher enormen Schlagkraft die Organisiertheit der deutschen Faschisten führen konnte.

Dass sich die meisten Deutschen dem nicht entziehen wollten und sich sowohl mit den nationalistisch-expansionistischen als auch mit den vorgeblich sozialistischen Ambitionen der Nazis identifizierten, sei hier ausdrücklich konstatiert. Es bietet bekanntlich viel Stoff für unterschiedlichste Interpreta-tionsversuche. Dennoch stellte die NSDAP weder eine Arbeiterpartei noch gar eine „Volkspartei“ dar. Letzterer Begriff findet häufig Verwendung, um einen grundlegenden Unterschied zu anderen Parteien markieren und die NSDAP quasi aus der deutschen Parteiengeschichte herauslösen zu können. Tatsächlich bedeutete ihre Existenz den Höhepunkt in der Geschichte jenes Typs von Parteien, die im Unterschied zu den vorhergehenden Honoratioren- oder Wählervereinen, den Interessen-und Klientelparteien als Massenparteien oder – nach Sigmund Neumann – Mitgliederintegrationsparteien zu bezeichnen sind. Rund zehn bis zwölf Prozent aller Bürger des sogenannten Großdeutschen Reiches gehörten der NSDAP an. Die Korrelation zwischen Parteimitgliedschaft und dem Grad an Politisierung liegt auf der Hand, auch wenn sie sich kaum mit Zahlen belegen lässt. Sie ergibt sich jedoch letztlich auch aus der Tatsache, dass für viele Deutsche das gesamte nationalsozialistische Organisationensystem ein attraktives Integrationsangebot darstellte, bot dieses doch dem einzelnen berufliche Chancen, eine Verbesserung seines sozialen Status und auch Möglichkeiten persönlicher Bereicherung. Es mag daher durchaus auch als ein „Versicherungsunternehmen“ betrachtet werden (wie dies beispielsweise Mallmann und Paul tun), dessen Inanspruchnahme vor den Unwägbarkeiten des Arbeitsmarktes schützen und den Umsatz der Gewerbetreibenden garantieren konnte oder als „Eintrittsbillett“ in ein erfolgversprechendes Berufsleben, als Startposition im Ringen um sozialen Aufstieg empfunden werden konnte.

Die Millionengefolgschaft der NSDAP bestimmte allerdings weder das Programm, noch den Kurs und das Ziel des Partei – das tat deren Führungsgruppe, in deren Kalkül jene Millionen Mitglieder und Wähler bereits vor 1933 ein unentbehrliches Instrument und Faustpfand im Kampf um die Staatsmacht dargestellt hatte. Aber sie stellte eine Voraussetzung ihres Erfolges dar. Insofern war der Masseneinfluss zugleich eines ihrer wichtigsten Kennzeichen, insofern muss Faschismusforschung auf seine Ursachen großes Augenmerk legen.

Eine Vielzahl von Faktoren ist dabei in Betracht zu ziehen; hier bliebe nicht einmal Zeit dafür, sie alle zu benennen, geschweige denn zu erörtern. Ich will daher im folgenden lediglich auf zwei Aspekte verweisen, deren Aktualität unverkennbar ist: erstens auf die Frage nach dem Rang, den sozialpolitische bzw. sozialistische Parolen in der NSDAP einnahmen, sowie zweitens auf das organisationspolitische Konzept der NSDAP.

Zu ersterem: Massen zu gewinnen, ohne ihre Lage und ihre Interessen in irgendeiner Weise zu berühren, konnte und kann bei keiner Partei gelingen. Der NSDAP lag, wie sie formulierte, an der „Nationalisierung“ der deutschen Arbeiter, d.h. an der Gewinnung einer vorwiegend proletarischen Massenbasis für die gegen die proletarischen Organisationen gerichteten Ziele. Dies machte von vornherein jede Verwendung sozialpolitischer oder gar „sozialistischer“ Formeln zu einem zweckbezogenen Mittel. Das Wesen einer faschistischen Partei lässt sich an ihnen nicht erkennen, eher ihre Taktik. So verwundert es eben nicht, dass die NSDAP damals ihren Nationalsozialismus besonders in stark industrialisierten Teilen Deutschlands – im Gegensatz zu ihrem bayerischen Stammland – als „nationalen Sozialismus“ anbieten wollten. Dazu wurde zeitweise sogar eine „Arbeitsgemeinschaft der nord- und nordwestdeutschen Gauleiter“ gegründet, die das 25-Punkte-Programm revidiert, zumindest aber ergänzt wissen wollten. Diese Gauleiter galten als „Linke“ in der NSDAP, wurden jedoch bald von der Münchener Parteileitung zur Räson gerufen. Ich frage mich, ob nicht heute aus vergleichbaren Gründen rechtsextreme Organisationen in den neuen und von der Massenarbeitslosigkeit besonders hart betroffenen Bundesländern ihrer Agitation und Wahlpropaganda wiederum einen „sozialistischen“ Anstrich geben.
Ich denke auch an die Erklärung Franz Schönhubers vor den Bundestagswahlen, er werde jene Partei wählen, die einen „maßvollen Patriotismus mit radikalen sozialen Reformen“ verbinde, wobei in seinem Falle es mehr als bezeichnend sein dürfte, dass er in diesem Zusammenhang auch forderte, die „Prüfung von Sozialmodellen aus NS-Deutschland und dem faschistischen Italien hinsichtlich partieller Verwendbarkeit zur Überwindung der Arbeitslosigkeit“ dürfe nicht länger „tabuisiert oder gar strafrechtlich verfolgt“ werden.(2)

Zweitens: Mein Rekurs auf einige parteiengeschichtliche Aspekte ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass heutzutage die politischen Parteien in Deutschland kaum zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in ihren Reihen und damit wesentlich weniger als in der Zeit vor 1933 erfassen.  Dies wirkt sich selbstverständlich auch auf den Rechtsextremismus unserer Tage aus. Der allgemeine Rückgang des Grades parteipolitischer Organisiertheit der Bevölkerung macht um die Rechten einen Bogen. Die heutige Debatte wird wohl auch dennoch der Frage gelten, ob gegenwärtig ein am Beispiel der NSDAP orientiertes „Modell“ neuerlicher rechtsextremer Parteientwicklung erwartet werden kann oder nicht.

Nach meiner Auffassung ist in dieser Hinsicht durchaus vieles möglich, denkt man dabei an das breite Fundament des nationalistisch-rassistischen Netzwerkes von Verlagen, Zirkeln, Vereinen, Gesellschaften usw., das ein notwendiges Vor- und Umfeld aller politischen Parteien darstellt. Die parlamentarischen Rahmenbedingungen – ich sehe sie in ihrer Gänze und nicht allein die relativ willkürlich gesetzte Fünfprozentklausel – lassen Erfolge nur durch Bündelung der Kräfte zu. Hinzu kommt, dass zwar im Erscheinungsbild und in der Wirkungsmächtigkeit rechtsextremer Parteien von damals und heute relativ wenige Übereinstimmungen existieren, dafür aber mehr Gemeinsamkeiten in den parteienstaatlichen Rahmenbedingungen für den Rechtsextremismus der zwanziger Jahre und der Gegenwart festgestellt werden müssen.

Wer nach Erfahrungen aus der Geschichte der NSDAP fragt, sollte erkunden wollen, wie und unter welchen Bedingungen es der NSDAP in der Weimarer Republik möglich geworden ist und was sie selbst unternommen hat, sich über eine Vielzahl anderer völkisch-nationalistischer und rassistisch-antisemitischer Parteien zu erheben. Im Gegensatz zu der Vorstellung, die Geschichte der NSDAP stelle ein einziges Kontinuum an Aufwärtsentwicklung dar, lassen sich Stagnations- und Krisenzeiten der Partei gerade an bestimmten Momenten ihres Verhältnisses zu anderen faschistischen Organisationen festmachen. Das galt bereits im Juli 1921, als die Drexler-Gruppe eine Übereinkunft mit der Deutschsozialistischen Partei herbeizuführen suchte, das galt im Jahre 1924, als sich mehrere Organisationen – darunter vor allem die Deutschvölkische Freiheitspartei – um eine Nachfolgeschaft der im Putsch gescheiterten NSDAP bemühten, das galt 1928/29, als das Lager der Völkischen und die paramilitärischen Verbände überrollt werden konnte. Dass Hitler später jenen unter den „Parteigenossen“ eine nahezu nibelungische Treue hielt, die besonders geholfen hatten, seinen kompromisslosen Kurs „Anschluss statt Vereinigung“ durchzusetzen, lässt sich am Beispiel Julius Streichers gut erkennen und als eine organisationslogische Kehrseite der personellen Querelen bezeichnen. Hasserfüllt ließ er demgegenüber alle jene umbringen, denen er vorwarf, die Geschlossenheit der Partei gefährdet zu haben, wie das Beispiel Gregor Strasser belegt.

In mancherlei Hinsicht spiegelten sich in Herausbildung und Entwicklung der NSDAP während der zwanziger Jahre Grundzüge des deutschen Parteienwesens wider, seiner allgemeinen Erscheinungsformen, Organisationsprinzipien und Defizite. Selbst die weit verbreitete Enttäuschung unter den Deutschen über die anderen politischen Parteien konnte die NSDAP für ihre Zwecke nutzen. Zudem stellte sie sich mit Vorliebe nicht nur als eine Bewegung der „Jungen“, sondern auch als eine „Partei über den Parteien“ bzw. als „Bewegung“ dar. Die von Enttäuschung, Verärgerung, Hoffnungslosigkeit und Zukunftsangst getragene „Politik- und Parteienverdrossenheit“ großer Teile der deutschen Bevölkerung trug dazu bei, dass schließlich eine an Radikalität und vermeintlicher Kompromisslosigkeit unübertroffene Organisation alle anderen zu überwältigen und eine das Parteienwesen konterkarierende Einparteienherrschaft zu errichten in der Lage war.
Wie in jeder anderen Partei auch erkennbar, bemühte sich die Führung der NSDAP um Geschlossenheit, Einheitlichkeit und möglichst straffe Organisiertheit ihrer Mitgliedschaft. Divergierende Partei-„Flügel“ wurden entschieden und mit taktischem Geschick bekämpft. Innere Differenzen – eine generelles Merkmal aller größeren Parteien – erreichten nicht jenen Grad, der für Hitler „Konkurrenz“ hätte bedeuten können; stets ging es tatsächlichen wie potenziellen Kontrahenten um einen angemessenen Platz in der „zweiten Reihe“. Im Unterschied zu anderen Parteien entstand so mit und in der NSDAP ein neuartiges Interessengeflecht, das weitgehend von absoluter Autoritätsakzeptanz und Übernahme des militärischen Führer-Gefolgschafts-Prinzips, zugleich aber auch von Hausmacht- und Ressortpartikularismus, von Verbände-Egoismus und Pfründensicherungs-Trieb geprägt war.

Zu den Erfahrungen gehört nicht zuletzt, dass sich die NSDAP – trotz ihrer Besonderheiten und ihrer Abgrenzungsbemühungen gegenüber den anderen bürgerlichen Parteien – nicht einer Reihe allgemeiner Entwicklungstendenzen politischer Parteien entziehen konnte. Gerade sie beförderte und beschleunigte einen Entwicklungsstrang, dem so etwas wie ein auf das Parteienwesen spezifiziertes Olympia-Motto zugrunde lag: „Immer mehr Mitglieder – immer breiteren Anhang – immer festere Organisation“. Allerdings erwuchs (und erwächst wohl immer wieder!) aus dem Wesen gesellschaftlicher Organisation generell die Tendenz zu ihrer Oligarchisierung sowie zur Bürokratisierung sich ausweitender Parteiapparate. Nebenbei: Seit den Untersuchungen von Robert Michels sind diese Prozesse bekannt. Bereits 1911 stellte er fest, dass die SPD, obwohl sie die Demokratie auf ihre Fahnen geschrieben hatte, die innerparteiliche Entdemokratisierung nicht bekämpfen konnte und ihre Führung offensichtlich diese auch nicht einmal bekämpfen wollte. Er sprach von den Wirkungen eines „ehernen Gesetzes der Oligarchie“, das seine Ursachen in der Parteiorganisation, im bürokratischen Apparat habe: „Wer Organisation sagt, sagt Tendenz zur Oligarchie ... Mit zunehmender Organisation ist die Demokratie im Schwinden begriffen.“ Ferner hieß es bei ihm: „Die Macht der Führer wächst im gleichen Maßstab wie die Organisation.“ Und schließlich: „Die Organisation ist die Mutter der Herrschaft der Gewählten über die Wähler, der Beauftragten über die Arbeitgeber, der Delegierten über die Delegierenden.“(3)

Parteien scheinen also ganz offensichtlich in organisationsstruktureller Hinsicht einander ähnlicher zu sein, als es die Gegensätzlichkeit ihrer Interessen und Ziele vermuten lässt. Im Falle der NSDAP lässt sich möglicherweise an das bekannte Bild vom Eisberg und seiner erkennbaren, über das normale Maß hinausragenden Spitze erinnern ...
D
och wieder zurück zur Frage einer möglichen parteiengeschichtlichen Wiederholbarkeit: Ihr stehen einige Faktoren entgegen, die erwarten lassen, dass sich andere „Modelle“ durchsetzen bzw. völlig neue entstehen. Die Zeit für Massenintegrationsparteien scheint, wie bereits gesagt, vorüber zu sein. Neue Technologien und mediale Möglichkeiten erlauben andere, wesentlich diffizilere und erheblich wirksamere Methoden der Massenbeeinflussung. Vor allem sehen sich rechtsextremistische Parteien jedoch heute in einer veränderten historischen Situation: Die NSDAP entstand in einer Zeit, die vom Ersten Weltkrieg und seinem Ausgang sowie von den Erschütterungen und Wandlungen der gesellschaftlichen Verhältnisse nach der Novemberrevolution geprägt war. Ihre Führer dachten und handelten grundsätzlich in den Kategorien des Krieges und konnten sich dabei auf tradierte Denkstrukturen einer überwiegenden Mehrheit der Deutschen stützen. Ihr aggressions- und expansionsorientiertes Programm, ihre ebenso umfassende wie skrupellose Kriegsvorbereitung und schließlich auch ihre Kriegführung lasen die
NSDAP als eine friedlose Partei bewerten, als eine Partei, deren Existenz und Wirksamkeit in engstem Zusammenhang mit den beiden das 20. Jahrhundert prägenden Weltkriegen zu sehen ist, d.h. mit den größten, letztlich von Profitgier und Expansionsdrang verursachten Menschheitskatastrophen.

Zu denken ist etwa an den ersten Punkt des Parteiprogramms, der die Schaffung eines Reiches aller Deutschen forderte, womit nicht allein die 60 Millionen Bürger des Reiches sowie die acht Millionen Österreicher, sondern auch weitere 30 Millionen sogenannter Auslandsdeutscher gemeint waren. Im Dienste ihres Expansionsstrebens vertrat die NSDAP zugleich ein aggressives, terroristisches Konzept zur Schaffung innenpolitischer Voraussetzungen für den Kurs auf eine Wiederherstellung „deutscher Weltgeltung“, zur Diskreditierung, Verfolgung und Vertreibung aller „Nicht-Deutschen“. Existenz und Entwicklung, vor allem aber der „Aufstieg“ der NSDAP am Ende der Weimarer Republik widerspiegelten allgemeine und situationsbedingte Bedürfnisse der durch den Weltkrieg und die Novemberrevolution in ihren Machtpositionen besonders stark erschütterten sowie zur völligen Revision des Jahres 1918 strebenden Teile deutscher Eliten aus Wirtschaft, Militär, Politik und Bürokratie.

Indessen kann gerade die Tatsache, dass die NSDAP in die totale militärische Niederlage Deutschlands geführt hat und sie darin selbst zugrunde ging, seit 1945 nicht unbedingt als förderlich für Nachfahren und Nachahmer gelten. Orthodoxer Neofaschismus einschließlich einer neuen faschistischen Massenpartei dürfte kaum eine Chance haben. Neue Expansionsziele und neuer Drang nach deutscher Vorherrschaft in Europa und in der Welt machen neue Methoden, Taktiken und Mittel notwendig. Wer heute nach den Perspektiven des Rechtsextremismus fragt, wird vor allem auch die veränderten Existenzbedingungen der kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft in Rechnung setzen müssen. Aus ihnen ergeben sich größere Differenzpunkte zwischen den ökonomisch Mächtigen und politisch Herrschenden auf der einen Seite und den neuen Faschisten auf der anderen.

Zwar meinen offensichtlich unbelehrbare Kräfte auch unabhängig von der Tatsache, dass die NSDAP vor mehr als einem halben Jahrhundert schmählich und schändlich endete, im faschistischen Müllhaufen der deutschen Geschichte irgend etwas finden zu können, was ihnen künftig von Nutzen sein könnte. Ebenso wie andere sind sie keineswegs ein für alle Mal vor Irrungen und Wirrungen gefeit. Zu schauen wäre aber vor allem auf die neuen Erscheinungen in der deutschen Gesellschaft und auf die Rahmenbedingungen des Rechtsextremismus unserer Tage, wenn Antifaschisten nicht erneut hilflos agieren oder gar erneut versagen wollen. Die kapitalistische Gesellschaft ist in vieler Hinsicht nicht unbedingt eine bessere, aber eine andere als sie es damals war. Sie steht am Ende dieses Jahrhunderts zugleich vor „neuen Herausforderungen“ und hat seit den siebziger Jahren bisher ungekannte krisenhafte Zustände in Vielgestalt hervorgebracht, die sie nicht zu meistern vermag. So wahrscheinlich wie deren Zuspitzung, so ungewiss sind deren politische Folgen.

Im Nachwort unserer „Geschichte der NSDAP“ schrieben wir, dass die Geschichte sich nicht einfach wiederholt, jedoch einmal gewonnene geschichtliche Erfahrungen, Herrschaftserfahrungen zumal, im Verlauf der Geschichte auch nicht einfach verloren gehen. Es sei beunruhigend zu sehen, dass neue Randgruppen Skandal auf Skandal und – entsetzlich und herausfordernd genug – Gewalttat auf Gewalttat häufen, dass sie schon wieder eine Blutspur in die deutsche Geschichte ziehen. Wichtiger noch erschien uns indessen darauf zu verweisen, dass das nach 1945 zunächst abgewiesene Erbe des Faschismus längst schon an anderer Stelle auf seine Verwendbarkeit durchgesehen und sortiert wird, dass seine Teilstücke unter anderen Namen in der Erprobung sind. Aber das muss nicht notwendigerweise mit der Existenz und mit den bisherigen Erscheinungsformen politischer Parteien verbunden sein ...(4)

Anmerkungen:
1  Siehe dazu meine Besprechung des letzten Buches von Knopp („Hitlers Krieger“) in: Neues Deutschland vom 2.11.1998, S. 12
2  Nation & Europa, H. 3/1998, S. 14
3  Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens (1911). Neu hrsg. von Werner Conze, Stuttgart 3/1969
4  Möglicherweise lässt sich unser „kurzes Jahrhundert“ nicht nur anhand der drei Weltkriege (Erster, Zweiter und Kalter Krieg) und der ihnen folgenden drei systemverändernden Entwicklungsschübe charakterisieren, sondern auch als ein Säkulum unterschiedlichster Parteien und Parteitypen, von Ein-, Mehr- und Vielparteiensystemen sowie von vielgestaltigen Symbiosen staatlicher und parteigebundener Machtapparate bezeichnen. In Deutschland gab es den Parteienstaat in seiner Weimarer Ausprägung, die folgenreiche diktatorisch-terroristische Herrschaft der faschistischen Organisationen, den staatssozialistischen Machtmissbrauch „führender“ Parteien; und gibt es die verheerende Okkupation des Staates durch machtmonopolisierende, sich selbst gleichsam verstaatlichende Großparteien. Erfreulich mutet allein die Tatsache, dass es immer auch alternative Organisationsformen gab, paradox aber, dass auch diese stets parteibezogen waren und sind. Neues ist kaum noch denkbar.
Unabhängig davon, dass Schönredner gegenwärtiger Verhältnisse gern die Parteiendemokratie als Gipfelpunkt massenpartizipatorischer und emanzipatorischer Wirksamkeit bezeichnen, liegt der Gedanke nahe, dass sich die durch bisherige Parteien repräsentierten Existenzformen gesellschaftlicher Organisiertheit erschöpft haben.
Folgt man ihm, würde es sich lohnen, über die Verbesserung der Verhältnisse durch einzelne Parteien, aber auch über generelle Alternativen zum bestehenden Parteienwesen nachzudenken. Auf jeden Fall kann ich mir keine mit Aussicht auf Erfolg agierende sozialistische Partei vorstellen, die nicht auch die parteiengeschichtlichen und die parteientheoretischen Aspekte ihres Ringens reflektiert, die nicht ihren Platz im Parteienwesen zu bestimmen trachtet und die nicht selbst ihre Organisationsformen dem Interesse der Zukunft zuzuordnen bereit ist.