: antifaschistische nachrichten

Nummer 20 / 2008

«Es ging wie am Schnürchen ...»

Das mörderische Finale des Zweiten Weltkrieges - Blutorgie der Nazis

«Der deutsche Faschismus, sein unvermeidliches Ende vor Augen - auch wenn viele seiner Anhänger es noch nicht wahrhaben wollten - verhielt sich wie ein tödlich verwundetes Raubtier, das vor seinem Ende noch einmal mit voller Wucht um sich schlägt», konstatiert der Dortmunder Journalist Ulrich Sander im Vorwort dieser Nachzeichnung der Blutspur, die das Regime in den letzten Tagen des Krieges quer durch Deutschland zog.

Dabei erhebt der Autor mit dieser auf 190 Seiten gedrängten Chronik keinen Anspruch auf Vollständigkeit bei der Darstellung der Dimensionen dieser Orgie von Gewalt, des mörderischen Finales, dieses kaum zu erfassenden Blutrauschs während der letzten Kriegstage. Bestürzend zu lesen, wie die Maschinerie des Regimes mit seinen Geburtshelfern und Anhängern, «die es noch nicht wahrhaben wollten», bis zum bitteren Ende funktionierte.

Sander konstatiert über seinen Forschungsgegenstand: «So grausig das Thema ist, so unerschöpflich ist es.» Was einer der Vollstrecker Jahre später im Dortmunder Rombergpark-Prozess aussagte, galt für den Ablauf im ganzen Restdeutschland «Es war wie ein Karussell, es ging wie am Schnürchen, es klappte alles tadellos.»

Herausgeber dieses Buches ist das in Dortmund ansässige Internationale Rombergparkkomitee, dessen Mitglied Sander, Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA), ist. So widmet sich ein Großteil der Untersuchung dann auch jenen zehn Massakern, die von der Gestapo und der SS in der Zeit vom 8. März bis zum Eintreffen der Amerikaner am 12. April 1945 in Dortmund und der näheren Umgebung verübt wurden. Dabei wurden auf Anweisung aus dem Reichssicherheitshauptamt und konkretisiert durch Befehle des zuständigen Gauleiters der NSDAP Albert Hoffmann über 300 in- und ausländische Gegner des Regimes aus den Haftanstalten, Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager geholt, im Rombergpark und in der Bittermark in Serie - «wie am Schnürchen» - mit Genickschuss ermordet und in Bombentrichtern verscharrt. Ein Augenzeuge berichtet: «Den Männern waren die Hände mit Stacheldraht auf den Rücken gebunden, den Frauen und Mädchen, ebenfalls mit Stacheldraht gefesselt, waren die Hände auf den Leib gebunden.»

Sanders Anliegen ist es nachzuweisen, dass es sich bei den Dortmunder Mordaktionen um keine Einzelfälle im «mörderischen Finale» handelt. Zahlreiche Einzelforschungen und eigene, hier in solcher Dichte erstmals zusammengefasste Recherchen führen den Leser an rund 90 Tatorte von Kriegsendverbrechen. Die begangenen Untaten reichten von der Ermordung des von den Amerikanern nach der Befreiung Aachens eingesetzten Oberbürgermeisters durch fanatische Mitglieder des «Werwolfs» am 25. März 1945 über die Massenexekution von rund 1000 KZ-Häftlingen in Isenschnibbe bei Gardelegen am 11. April 1945 bis hin zur Erschießung von 131 italienischen Militärinternierten am 23. April 1945 in Treuenbrietzen, die als Zwangsarbeiter in der dortigen Munitionsfabrik arbeiten mussten.

Das alles lief exakt nach den Plänen der Reichsführung ab, die Propagandaminister Josef Goebbels am 21. April 1945 in die Formel gekleidet hatte: «Wenn wir abtreten, dann soll der Erdkreis erzittern.» So lautete denn auch eine «Geheime Reichssache vom 2. Januar 1945», dass in allen sich zeigenden Fällen von Anzeichen einer umstürzlerischen Tätigkeit «unter ausländischen Arbeitern und auch ehemaligen deutschen Kommunisten ... sofort und brutal zuzuschlagen» sei. «Die Betreffenden sind zu vernichten.»

Zu vernichten waren durch «Abschiebung in den Tod» auch die Zwangsarbeiter, die Auskunft geben konnten über ihre Sklavenarbeit in den Rüstungsbetrieben der deutschen Großindustrie. «Aufgeräumt» wurde in den Kriegsgefangenenlagern. Bis in die Tage des April wurde in den Zuchthäusern, in den Konzentrationslagern und in den Anstalten zur Vernichtung «lebensunwertes Leben» gemordet. 8000 Soldaten wurden als Deserteure in den letzten Kriegsmonaten hingerichtet. Noch ist nicht genau die Zahl der Männer und Frauen bekannt, die bei den Todesmärschen aus den Konzentrationslagern ums Leben kamen - vor Erschöpfung oder gezielt von den Wachmannschaften getötet.

Die Publikation überzeugt durch die Fülle der Zeitdokumente und Zeugenaussagen und entsetzt bei der Lektüre der Gerichtsurteile über die wenigen, spät und milde oder gar nicht zur Verantwortung gezogenen Täter, ganz zu schweigen von den Auftraggebern in Politik und Wirtschaft.

Hans Canjé (Neues Deutschland vom 18.9.2008)

Ulrich Sander: Mörderisches Finale - NS-Verbrechen bei Kriegsende.

PapyRosa, Köln 2008. 190 S., br., 14,90 EUR.

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