: antifaschistische nachrichten
Für Antifaschistinnen und Antifaschisten ist die Dreikönigspredigt des Kölner Kardinals Joachim Meisner ein Skandal. Meisner hatte am 6. Januar im Dom Folgendes verkündet: «Wo der Mensch sich nicht relativieren oder eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit werden Millionen ungeborene Kinder millionenfach umgebracht. Abtreibung und Euthanasie heißen die Folgen dieses anmaßenden Aufbegehrens gegen Gott. Das sind nicht soziale Probleme, sondern theologische».
Nachdem der «Spiegel» die Öffentlichkeit über diese Worte des Kölner Kirchenfürsten und die in ihnen enthaltene Relativierung des Völkermords der Nazis informiert hatte und dadurch eine Welle des Protestes ausgelöst hatte, sah sich Meisner genötigt zurückzurudern: «Wenn ich geahnt hätte, dass mein Verweis auf Hitler missverstanden hätte werden können, hätte ich seine Erwähnung unterlassen. Es tut mir leid, dass es dazu gekommen ist. In der Dokumentation meiner Predigt werde ich darum auch den Hinweis auf Hitler tilgen lassen» erklärte der Kardinal am Abend des 7. Januar.
Carsten Horn, Mitarbeiter des Erzbischöflichen Generalvikariats, ist der Meinung, die Protestierenden hätten alles falsch verstanden, weil der «Spiegel» ein Zitat verkürzt widergegeben habe: «Die Kritik an diesem Text übersieht, dass der Kardinal mit keinem Wort die Einzigartigkeit des Genozids an den Juden unter Hitler relativiert hat. Der Vergleich von Heute mit den Zeiten unter Herodes, Hitler und Stalin bezieht sich allein darauf, dass Verfehlungen am menschlichen Leben geschehen sind, die sich darauf zurückführen lassen, dass sich Menschen zum Herrn über das Leben machen. Heute besteht fast kollektiv die Annahme, der Mensch könne vor allem über das Leben ungeborener Kinder entscheiden».
Eine Erklärung des Faschismus (wie auch aller anderen geschichtlichen Ereignisse), die sich darauf beschränkt, den Abfall des Menschen von Gott als Ursache von Unterdrückung, Massenmord und Krieg zu benennen, ist im Kampf darum, zu verhindern, dass sich die Barbarei jemals wiederholen kann, nicht im geringsten hilfreich. Die wahren, durchaus irdischen Ursachen des Faschismus werden damit verschleiert, Interessen materieller Art verborgen. Dabei hätten auch und gerade die Kirchen allen Grund, die eigene Rolle in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 selbstkritisch zu untersuchen. Aber das ist nicht der springende Punkt.
Wer, wie der Kölner Kardinal und sein Angestellter, nach wie vor verbreitet, Schwangerschaftsunterbrechungen, die eine schwere moralische Entscheidung für die betroffenen Frauen (und nur für diese) darstellen, mit den Verbrechen der Nazis gleichzusetzen, der hat nicht nur nichts verstanden sondern relativiert, gewollt oder ungewollt, auf jeden Fall aber im Wiederholungsfall, den Völkermord der Nazis. Damals geschahen Verbrechen weil Menschen sich zum «Herrn über das Leben» machten. Heute werden Schwangerschaften aus dem gleichen Grund unterbrochen und damit, in den Augen christlicher Fundamentalisten, ebenfalls Verbrechen am menschlichen Leben, also Morde begangen. Damals betraf es die Juden, Sinti und Roma, Polen, Russen und viele andere Völker, heute ungeborene Kinder - in den Augen der genannten Vertreter der katholischen Kirche scheint es da keinen Unterschied zu geben. Wer so argumentiert und nicht bemerkt, dass er damit den Holocaust relativiert, nicht nur vergleicht sondern bewusst gleichsetzt und so Alt- und Neonazis in die Hände arbeitet (die ja ebenfalls behaupten, Völkermorde seien etwas ganz Normales und seien zu allen Zeiten vorgekommen), dem ist entweder nicht zu helfen oder er beabsichtigt genau diese Gleichsetzung.
Johannes Kardinal Meisner ist zwar ein Fundamentalist, aber er ist nicht dumm. Er weiß, was und warum er etwas sagt. Man kann ihm daher mit Fug und Recht unterstellen, den genannten Vergleich bewusst angestellt zu haben. Aus diesem Grund sollten Antifaschist (inn)en mindestens vom Vatikan fordern, diesen unsäglichen Hassprediger von seinem Amt zu entbinden und in ein möglichst abgelegenes Kloster zur Bewährung zu schicken.
Peter Trinogga,
Vorsitzender der VVN/BdA Köln n