: antifaschistische nachrichten

Nummer 13 / 2004

«Von ihrem Schicksal haben sich keine Erinnerungen erhalten»

Christoph Schminck-Gustavus, Professor für Rechtsgeschichte an der Universität Bremen, hat Anfang der 90er Jahre als erster die Recherche des Kriegsverbrechens in Kefalonia aufgenommen - ausgelöst durch seine Bekanntschaft mit Amos Pampaloni, der das Massaker der deutschen Wehrmacht an italienischen Soldaten auf der Insel Kefalonia wie durch ein Wunder überlebte. Auf die Bitte italienischer Freunde, Historiker, den Fall vor Ort zu recherchieren, hat er sich auf die Suche gemacht. Die Tragödie in Kefalonia war von enormem Ausmaß, und die Opfer sind nur als Zahlen in die Geschichte eingegangen. Nach neuesten Angaben hat es sich um über 9.600 ermordete Soldaten gehandelt.

«Von ihrem Schicksal haben sich keine Erinnerungen erhalten, keine Tornister, keine Erkennungsmarke, kein Ausweis, kein buntes Heiligenbildchen. Niemand wird ihre Geschichte anhören oder aufschreiben. ihre Namen sind nirgends verzeichnet ( ... ). So ist auch Pampalonis Erinnerung nur ein winziger Mosaikstein, zufällig an Land gespült und aufbewahrt in der Erinnerung.» Und so geht Schminck-Gustavus auf historische Spurensuche nach diesem einen Schicksal. «Ich werde nur dieser einzigen Frage nachgehen: der Rettung von Amos Pampaloni, damals Hauptmann und Befehlshaber einer an der Küste von Kephallonia eingesetzten Geschützbatterie. Er hat mir seine Geschichte erzählt, und nur sie werde ich verfolgen, weil sonst keine Chance besteht, jemals fertig zu werden.»

Er liefert einen Bericht, der in seiner Art einzig ist. Er nähert sich den Dingen ganz allmählich an. Das kann zu Irritationen führen, weil dem Leser das Buch anfänglich vielleicht nicht «historisch» genug erscheint. Doch dann entdeckt man, dass diese minutiöse Vorgehensweise, welche die Erzählung einer individuellen Geschichte in den Vordergrund rückt, das menschliche Element betont, und dass man dadurch viel eher versteht, was Krieg eigentlich letztendlich bedeutet.

Während seiner Recherche, in der Christoph Schminck-Gustavus einheimische Zeitzeugen über die furchtbaren Ereignisse vom September 1943 befragt, trifft er in der Menge der Opfer immer wieder auf Einzelschicksale, von denen ein weiteres ihn überzeugt, dass dieses Buch geschrieben werden muss. Es ist das von Angelos Kostandakis, der im Alter von 27 Jahren öffentlich erhängt wurde. Seine Familie und alle Bewohner des Dorfes Faraklata - auch die Kinder - wurden gezwungen, der Exekution beizuwohnen. Die Opfer dieser mutigen Menschen, für die Amos und Angelos exemplarisch stehen, können nicht einfach vergessen werden, sonst wären ja ihre Taten, ihre Opfer, ihr Tod sinnlos gewesen. Niemand hat ihnen bisher die nötige Ehrung zukommen lassen.

Was die kriegsbeteiligten Individuen betrifft, so ist da noch der SS-Mann Kurt, an dessen Nachnamen sich niemand mehr erinnern kann. Doch er half einer kefalonischen Familie regelmäßig heimlich mit Lebensmitteln, denn die Hungersnot war groß auf Kefalonia. Das alte Ehepaar bittet den deutschen Historiker, auch ihn zu erwähnen, denn wie sie rührend betonen, ist er ein Beispiel, dass auch unter den deutschen Besetzern nicht alle gleich waren.

Christoph Schminck-Gustavus schließt der historischen Erzählung über das Kriegsverbrechen der Wehrmachtsdivision Edelweiß, die auch die Morde in Kalavryta zu verantworten hat, die Recherche der juristischen Auseinandersetzung in Nachkriegsdeutschland an. Die nicht erfolgte Aufarbeitung vor allem der Wehrmachtsverbrechen im Deutschland der 50er und 60er Jahre in einer von ehemaligen Nazis durchwachsenen deutschen Justiz. Die permanente Einstellung von Verfahren trotz vorliegender konkreter Zeugenaussagen, mit Ortsangaben, Namen und Daten. Er stellt sich die Frage, die bei allen evident ist: «Also nach Greisen suchen, die vor einem halben Jahrhundert an Verbrechen beteiligt waren? ( ... ) Mit welchem Ziel, nachdem selbst die Hinterbliebenen der Opfer verstorben sind?» Und er erinnert sich an die 50er Jahre, in denen die Naziterminologie noch überall verbreitet war. «Das abstoßende Gerede vom ,lwan, den sie im Krieg ,versohlt haben und von den ,Pollacken, deren ,Saustall sie ausgemistet hätten, drang bis in die bürgerlichen Wohnstuben.»

Die Mechanismen des Leugnens und Verdrängens sind in der Kriegsgeneration tief verwurzelt. Anfang der 90er Jahre ändert sich der Umgang mit der deutschen Geschichte. Erst mit Beginn des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts «erschienen Einzeluntersuchungen zu Wehr-machtsverbrechen, in denen Italien und Griechenland endlich Berücksichtigung fanden». Besonders wichtig war für die historische Auseinandersetzung mit diesen Tatsachen die 1995 vom Hamburger Institut für Sozialforschung erarbeitete «Wehrmachtsausstellung», die monatelang die deutsche Öffentlichkeit erregte und eine Diskussion wieder in Gang setzte, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

Natalia Sakkatou

Christoph U. Schminck-Gustavus: Kephallonia 1943 - 2003. Auf den Spuren eines Kriegsverbrechens. Donat Verlag Bremen 2004, ISBN 3-93483-6666, 18,80 Euro

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