: antifaschistische nachrichten
Seit über 50 Jahren veranstaltet zu Pfingsten die Gebirgsdivision 1 (GD1) in Mittenwald eine Gedenkfeier zu Ehren ihrer toten «Helden», an der bisweilen mehrere tausend Menschen teilnahmen. Auch in diesem Jahr trafen sich die Veteranen gemeinsam mit den Aktiven von der Bundeswehr auf Bundeswehrgelände am Hohen Brendten. Junge Antifaschistinnen und Antifaschisten nahmen in diesem Jahr ebenfalls teil, und einer ihrer Sprecher erklärte:
"Unter dem NS-Regime verübte diese Einheit der Wehrmacht diverse Massaker an Tausenden von Menschen in Griechenland, Italien, Jugoslawien, Polen und Finnland. Diese Tradition der Verehrung der Mörder und Verhöhnung der Opfer konnte über 50 Jahre lang unbehelligt stattfinden und sich dabei einer großen gesellschaftlichen Akzeptanz erfreuen. Als Mitveranstalter tritt hier die Bundeswehr in Erscheinung und sie befindet sich damit in auffälliger Kontinuität, denn auch heute sind die Gebirgstruppen wieder aktiv bei Auslandseinsätzen wie im Kosovo und Afghanistan. Dabei jene Bundeswehr-Gebirgsdivision, die sich als direkte Nachfolgerin der Wehrmachtsdivision versteht.»
In Mittenwald erinnerte die Bundeswehr in Schriften an die Vorjahrsrede auf dem Hohen Brendten, gehalten vom jetzigen Kanzlerkandidaten der CDU/CSU und Kameradschaftsmitglied sowie ehemaligem Gebirgsjäger Edmund Stoiber. Darin nennt er das Treffen Ausdruck «unangreifbarer Traditionspflege». Damit lag er falsch: Am Pfingstsamstag besuchten ca. 50 Antifaschistinnen und Antifaschisten das im Rahmen der Gedenkfeier stattfindende Schweinebratenessen der Gebirgssoldaten in Mittenwald.Dort waren aktive und pensionierte Angehörige der Gebirgsdivision, zwischen 20 und 80 Jahren, versammelt. Zu ihrem Vorhaben, eine Gedenkminute für die Opfer an dem Versammlungsort der Täter zu veranstalten, kamen die Antifaschisten allerdings nicht: Die aufgebrachten Traditionspfleger versuchten, ihnen die mitgebrachten Schilder, auf denen die Kriegsverbrecher benannt wurden, zu entreißen. Auf die Konfrontation mit den Verbrechen von ehemaligen Gebirgsjägern reagierten die Veteranen und Bundeswehrsoldaten mit Schlägen und Tritten.
Diese erstmalige Behelligung der einstigen Täter und ihrer heutigen Gesinnungsgenossen bei ihrem Pfingsttreffen hatte zur Folge, dass 50 Personen in einer Jugendherberge in Urfeld von der Polizei bis Pfingstmontag unter Herbergsarrest gestellt wurden. Der Versuch, eine spontane Kundgebung am Pfingstsonntag in Mittenwald durchzuführen, wurde durch ein polizeiliches Demonstrationsverbot verhindert. Der Sprecher der Gruppe: «Dies erstaunt uns nicht vor dem Hintergrund, dass diese Art der Traditionspflege Bestandteil deutscher Normalität bis heute ist.»
Brisanz gewinnt dieses Vorhaben der Polizei nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Entschädigungsforderung der Überlebenden der Opfer von Wehrmacht und GD1 und ihrer Angehörigen, die derzeit vor allem in Griechenland offensiv artikuliert werden.
Die antifaschistische Gruppe legte eine Dokumentation vor, in der es heißt: «Die Gebirgssoldaten feiern hier die Besetzung und Ausplünderung Europas im Zweiten Weltkrieg. Sie protzen noch heute mit den von ihnen begangenen Massakern und Zerstörungen in Kommeno, Kephalonia, Camerino, Sarande, Fabriani, Lyngiades, im Massif du Vercors, Rovaniemi und in Hunderten weiterer Orte.
Das Gerede von der stolzen edlen Truppe, die tapfer unterm Edelweiß gekämpft hat, ist ein Hohn für die Tausenden Opfer der Gebirgstruppe. In Kommeno in Nordgriechenland fuhren sie am 16.8.1943 zum Morden «feldmarschmäßig» mit Maultieren und dem Küchenwagen vor und erschossen 317 Frauen, Männer und Kinder. Die stolzen Soldaten der 12. Kompanie des Gebirgsjäger-Regiments 98 unter dem späteren Bundeswehrgeneral Klebe, die sich auch nach dem Krieg weiter ungestört im Kameradschaftskreis der Gebirgstruppe treffen, ermordeten nicht nur die unschuldigen Zivilisten, einzelne Soldaten machten sich noch über die Frauenleichen her und schändeten sie, wie einer der Täter später berichtete. Nach «getaner Arbeit» wurde dann das Dorf zum privaten Raubzug freigegeben: «Die Soldaten waren aber so erschöpft, dass sie von den herumliegenden Sachen kaum etwas mitgenommen haben. Lediglich die Offiziere haben erbeutete Teppiche und andere Wertgegenstände auf LKWs verladen und weggebracht,»
berichtete Franz T. bei seiner polizeilichen Vernehmung 1970. Dieses bestialische Massaker blieb kein Einzelfall. Als Teil der 1. Gebirgsdivision beteiligten sie sich an der Entwaffnung der italienischen Soldaten und erschossen 4000 italienische Gefangene allein in Kephalonia. Die Mörder zogen weiter. Im Epirusgebiet unterstützten sie die Geheime Feldpolizei bei der Deportation der griechischen Juden in Joannina. Und unter dem Deckmäntelchen der «Bandenbekämpfung» ermordeten sie über 1000 Griechen und zerstörten im Epirusgebiet mehr als 100 Dörfer allein im Oktober 1943, wie der nazifreundliche griechische Ministerpräsident Rhallys in einem Protestschreiben an die Wehrmachtsführung vortrug.
Das heißt, die Mörder sind noch unter uns und das hat bisher noch keinen gestört. Angehörige der faschistischen deutschen Wehrmacht und der Bundeswehr feiern in trauter Eintracht. Im gemeinsamen Erinnern an ehemalige und an aktuelle Fronterlebnisse stärken sich die Mitglieder des elitären Männerbundes für kommende Auseinandersetzungen. Sie lassen ihre Kriegsverbrecher-Generäle hochleben und verharmlosen die unzähligen Massaker an Zivilpersonen, an Frauen und Kindern in ganz Europa als angeblich gerechtfertigte Sühnemaßnahmen.
Schenkelklopfend lässt die Mörderbande immer wieder Revue passieren, wie sie Anfang der 1950er Jahre die Bundeswehr aufgebaut hat. Voller Stolz und Freude erleben die alten Wehrmachtssoldaten, dass Bundeswehrsoldaten in SFOR- und KFOR-Einheiten heute wieder auf dem Balkan kämpfen, wo sie selbst schon vor 60 Jahren wüteten. Die Gebirgssoldaten beschwören eine Tradition von den kaiserlichen Truppen des Ersten Weltkriegs über die Wehracht Nazi-Deutschlands bis zur heutigen Bundeswehr. Und Gebirgsjäger-Ministerpräsident Stoiber, Mitglied im Nazi-Kameradenkreis der Gebirgstruppe, sprach im letzten Jahr zur feierlichen Auflösung der 1. Gebirgsdivision von einer «unangreifbaren Traditionspflege» der Gebirgstruppe. Immer wieder unterstützt er den Haufen unverbesserlicher Militaristen und Mörder. Für rührselige Fahrten zu ehemaligen und heute wieder aktuellen Kriegschauplätzen, z. B. im Kaukasus, übernimmt er die Schirmherrschaft.
Diese Tradition wollen und dulden wir nicht! Wir beziehen uns in unserem Widerstand auf die wenigen deutschen Deserteure und WiderstandskämpferInnen, auf die JüdInnen, die in den Ghettos und Vernichtungslagern den Aufstand versuchten, auf die ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen, auf die Partisanen und auf den zivilen und bewaffneten Widerstands gegen die faschistischen deutschen Besatzer. Wir wollen keine Zukunft, die irgendwelche Militärs mitgestalten. Das Militär hat keine Zukunft, es ist Garant einer Gegenwart, die jeder emanzipatorischen Politik entgegen steht.
Wir wollen keine Entschuldigung für das eine oder andere Massaker, wir wollen, dass die Überlebenden der Massaker endlich von der BRD entschädigt werden. Wir grüßen mit unserer Überraschungskundgebung im tiefsten Bayern stellvertretend die Überlebenden aus Kommeno, Lyngiadas, Akmotopos, Klisura, Alikianu in Griechenland, die Überlebenden italienischen Soldaten der Massaker in Kephalonia, Korfu, Sarande, die Überlebenden der «Bandenbekämpfung» in Delnice und Versenico di Sotto im «Adriatisches Küstenland» und Jugoslawien, die Überlebenden von Camerino und Fabriano in Italien, die Überlebenden der Menschenjagd im Maquis im Raum Besancon, Dijon und Massif du Vercors und nicht zuletzt die Überlebenden der Vertreibung und Zerstörung in Lappland.
Sofortige Entschädigung der griechischen Massaker-Opfer! Kein Vergeben! Kein Vergessen!»
Ulrich Sander